DIE MACHT DER MUSIK

Franco Tortora ist mit Leib und Seele Musiker. Bereits während der Schulzeit spielte er in diversen Bands mit und machte dann seine Leidenschaft zum Beruf. Als Tonmeister, Produzent und Komponist schreibt er Musik für Werbung, Songs, Soundtracks, Audiologos bis hin zu Theater- und Ballettproduktionen. Mit seinem langjährigen Partner Tom Batoy, ebenfalls ADC Mitglied, gründete er 1991 Mona Davis Music. 20 Jahre später zieht es ihn von München in die Hauptstadt: Mit der Gründung der Berliner Dependancen von Mona Davis Beat und Giesing Team Tonproduktionen wagt er noch einmal den Neustart. Franco ist seit 2009 ADC Mitglied und hat über die Jahre hinweg zahlreiche nationale und internationale Awards gewonnen.

Lieber Franco, eine ganz einfache Frage zum Einstieg: Was macht eine gute Werbekomposition aus?

Eine schwierige Frage :-) Vielleicht eine Komposition, die den Spirit einer Kampagne oder eines Produktes emotional optimal trifft. Erfahrung spielt eine große Rolle, aber manchmal auch einfach das Quäntchen Glück, den genialen Einfall zum richtigen Zeitpunkt zu haben. Rein technisch betrachtet, also vom Produktionsstandpunkt aus, ist der Production Value enorm wichtig. Computersounds ersetzen keine Live-Musiker!

William S. Borroughs hat die Definition der perfekten Komposition mal ganz gut auf den Punkt gebracht: „Eine bestimmte Musik zu einem bestimmten Zeitpunkt gespielt, und die Assoziation, die diese Musik hervorruft, ist eine der stärksten überhaupt.“

Vom TV-Spot in die Pop-Charts und umgekehrt: Welchen Stellenwert hat Musik eigentlich in der Werbe- und Markenlandschaft?

Der Stellenwert der Musik hat sich eigentlich seit Jahren nicht geändert. Musik transportiert unsere Emotionen. Je nachdem, wie stark man die Konsumenten über die Emotionen packen will, tritt sie mehr oder weniger in den Vordergrund. Bei großen Imagekampagnen z. B. ist die Musik meistens sehr vordergründig und transportiert große Gefühle. Vignetten- und Story basierende Filme unterstützt sie eher affektiv und hilft situativen Szenen, sie komisch, traurig, bedrohlich oder fröhlich zu machen.

Klingt schwer nach Cluster...!?

Stimmt: Von der Funktion her unterscheiden wir in vier Kategorien. Oft vermischen sich die einzelnen Funktionen aber, je nach Anforderung:

1. Assoziative Musik (sehr oft verwendet bei Audio-Logos): eine bestimmte Musik, egal welche Emotion sie transportiert, wird untrennbar mit einem Produkt verbunden. Es genügt, die Melodie zu hören und man weiß, um was für ein Produkt es sich handelt. z. Bsp.: Telekom, McDonald’s, Gothaer, Sparkasse, Obi (Kinder nennen den Queen-Klassiker mittlerweile leider auch das „Obi-Lied“...), RWE (noch heute denken Leute an "Dea" wenn sie das Logo hören) uva.

2. Musik für Kampagnen: meist Imagekampagnen, die große Emotionen transportieren. Hier spielt die Musik, vor allem beim Kampagnenstart, eine tragende Rolle: z. Bsp. Versicherungen (Allianz, BVK), Banken (Sparkasse), Autos (Produktneueinführungen), McDonald's, Thomapyrin, etc.

3. Szenische Musik: Sie erzählt die Story mit und unterstützt situative Elemente, wie Komik, Frohsinn, Trauer, Wut.

4. Funktionale Musik: eher untermalende Musik. Häufig bei "Schmutz & Putz"-Artikeln oder Imagefilmen zu hören. Sie unterstützt das funktionale Element des Produktes oder der Aussage.

Wir hören Klassik, Jazz, Rock, Pop, Punk, Elektro – gibt es in der Musikbranche überhaupt richtige Trends?

Musikalische Trends sind, gerade wegen ihrer Vielfalt, heute schwer auszumachen. Sie etablieren sich in nahezu allen Genres. Letztendlich obliegt es ja jedem selbst zu entscheiden, welchem Trend er folgt. Ich persönlich finde zur Zeit sehr spannend, was da alles so aus Skandinavien kommt. Acts wie z.B. Lykke Li, Röyksopp. Aber auch das neue Album von Natalie Gainsbourg ist sehr spannend. Jamie T., M.I.A., Santogold, Arcade Fire oder The XX sind für mich auch sehr inspirierende Künstler. Generell freue ich mich darüber, dass das Songwriting und die Kraft der Stimme und der Melodie wieder mehr in den Vordergrund gerückt sind.

Nun ist Musik hören und genießen die eine Sache, sie für kommerzielle Zwecke zu komponieren, eine andere. Wo verläuft oder verschmilzt die Grenze zwischen Kunst und Kommerz?

Auftragskomposition ist zunächst einmal ein funktionaler Auftrag nach einem Briefing. Kunst entsteht ja nicht durch unser Tun, sondern bestenfalls durch die Wertschätzung anderer. Auftragskomposition erfüllt ein Bedürfnis. Wenn sie dabei den Nerv der Menschen trifft, dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Wenn sie dazu auch noch die Menschen zutiefst berührt, dann obliegt es dem Hörer, sie als Kunst zu bezeichnen. Wir wären niemals so vermessen, uns eigenmächtig als Künstler zu bezeichnen. Selbsternannte Künstler sind (für mich) eher Egozentriker.

Haben sich die Geschäftsfelder eines Komponisten erweitert – falls ja, in welche Richtung?

Und ob sich unsere Geschäftsfelder erweitert haben! Zum einen ist durch das Medium Internet eine Vielzahl an weiteren musikalischen Betätigungsfeldern entstanden. Und das wird sicherlich noch weiter wachsen. Zum anderen entsteht Veränderung durch die zunehmende Globalisierung. Wir bedienen mittlerweile Kunden u.a. in Englang, Frankreich, Russland, Dubai, Shanghai, USA usw. usf.

Unser Tätigkeitsbereich wird sich aber auch durch die Entwicklung der Medien weiter mit verändern. Nachkommende Generationen werden immer differenzierter in ihrer Wahrnehmung. Visuelle Reize sind mittlerweile Alltag, ausgereizt und austauschbar – Musik jedoch nicht. Obwohl es seit Jahrhunderten nur zwölf Töne in einer Tonleiter gibt, erfindet sich die Musik ständig von neuem. Musik funktioniert wie der Pferdeflüsterer: Meist nimmt sie niemand wahr, und trotzdem berührt sie jeden.

Werden die Bereiche Musik/Ton/Sound in Werbung/Marketing/ Branding denn ausreichend gewürdigt werden?

Auch wenn es unglaublich klingt: Der Ton macht 50 % eines Filmes aus. Jeder kennt das Gefühl, mit einer Melodie einen bestimmten Spot oder Film zu verbinden, die Musik lässt die Bilder im Kopf entstehen. Das ist aber leider immer noch nicht in allen Köpfen verankert. Die Budgets dazu sind of kontraproduktiv, und das Thema Ton/Musik wird im Arbeitsprozess oft viel zu spät mit einbezogen. Da wäre noch einiges mehr drin...

Vielen Dank!

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