Stefan Scheer ist Gastprofessor an der Folkwang Hochschule der Künste, Kreativdirektor der Scheer Werbeagentur und Initiator zahlreicher Projekte, die sich mit dem Thema Kreativität befassen. Gemeinsam mit Co-Autor Tim Turiak hat er kreativen Gehirnen nachgespürt, die mit ihren Ideen die Welt verändern wollen und sie in seinem Buch „Innovation Stuntmen“ portraitiert. Dabei findet er Kreative in allen Disziplinen, die beispielsweise Formen der Entwicklungshilfe revolutionieren oder neu definieren, wie Bildung weitergegeben wird.

Welches waren die Beweggründe für Dein Buch?

Sich mit Neuem zu befassen, bereitet mir enorm viel Spaß und ich begreife das auch als persönliches Wachstum. Mein Ziel ist es, die teils sehr komplexen Projekte der Entwickler in die Sprache der Allgemeinheit zu verwandeln. Wenn ich ihnen dann nach intensiver Recherche auch noch eine Frage stellen kann, die sie zum Nachdenken bringt, weiß ich, dass ich etwas Neues gelernt habe.

Unter deinen Gesprächspartnern sind klassische Ideenentwickler wie Spieledesigner aus Silicon Valley, aber auch unerwartete Entdeckungen wie Arthur Potts Dawson, der in England kocht. Was muss eine Idee auszeichnen, um in Dein Buch aufgenommen zu werden?

Wir nähern uns Ideen über den gesellschaftlichen Innovationsbegriff. Wir interessieren uns für Innovationen, die gesellschaftliche Macht neu verteilen. Diese zu finden ist ein ständiger Rechercheprozess, im dem wir uns von Debatte zu Debatte arbeiten. Manchmal kommt monatelang niemand in Frage, dann gibt es einen Zufallsfund und manchmal entdecken wir auch schon bekannte Gesichter als spannende Innovation Stuntmen.

Die Idee an sich ist der Anfang. Sie muss bekanntgemacht, finanziert, umgesetzt werden, ein Knackpunkt für jede kreative Neuentwicklung. Verfolgst Du die Portraitierten und ihre Projekte auch noch nach Abschluss Deiner Recherchen?

Einige auf jeden Fall. Vom Ideenfindungsprozess bis zur Umsetzung dauert es teils Jahre. Der Gamedesigner Jenva Chen entwickelt zum Beispiel alle zwei Jahre ein Spiel. Alle Interviewten haben sich ein Netzwerk aufgebaut und ein Businessmodell entwickelt und stecken irgendwo auf diesem Weg zur Realisierung ihrer Idee. Das kommt dann schon dem Charakter eines Startups nahe.

Titel: Innovation Stuntmen – können sich Ideenentwickler an ihren Innovationen die Finger verbrennen?

Der Titel drückt aus, welch hohes Maß an persönlichem Risiko Menschen tragen, die mit ihren Ideen Neuland betreten. Ein Stuntman lässt den Schauspieler im Film gut aussehen, damit wir das Ergebnis, den guten Film, genießen können. Ähnlich verhält es sich mit Ideenentwicklern: Obwohl die Gefahr des Scheiterns groß ist, werfen Sie sich mit Leidenschaft ins Feuer und kämpfen wie Löwen für die Umsetzung. Am Ende haben wir als Konsumenten mit unserem Smartphone das Ergebnis dieser Bemühungen in der Hand. Für mich sind Innovation Stuntmen moderne Helden, die von ihrer Idee getriebene Abenteuerreisen in unbekanntes Terrain unternehmen. 

Hast Du auch Menschen getroffen, deren Innovationen sich so gut ergänzt hätten, dass Du versucht warst, die beiden Tüftler zu vernetzen? Anders gefragt: Wie gut sind Entwickler untereinander vernetzt?

Meine Erfahrung zeigt, dass Ideenentwickler oft Nerds oder Künstlerpersönlichkeiten sind, die manchmal eigen oder seltsam sind, und oft zurückgezogen leben. Die suchen sich ihr Netzwerk gezielt aus. Eigentlich sind sie „Besessene“ im besten Sinne, deren Idee sie so in Beschlag nimmt, dass sie nichts anderes mehr tun würden.

Keine einziger Deutscher unter den Innovation Stuntmen: Zufall?

Das ist mir auch aufgefallen. Ich denke, in Deutschland herrscht ein eher technisch orientierter Innovationsbegriff. Zur Umsetzung von Innovationen hat das Vorteile, gleichwohl erschwert es uns in sozialen Systemen zu denken. Mit dem Buch möchten wir einen Innovationsbegriff etablieren, der gesellschaftliche Relevanz hat, der sich an Menschen, ihren Fähigkeiten und Talenten orientiert.

Was liegt noch an? Mit welchen Innovationen beschäftigst Du Dich momentan?

Am meisten bewegt mich zur Zeit, wie wir unsere Konsumgesellschaft erneuern können, ähnlich wie auch schon Arthur Potts Dawson mit seinem „People’s Supermarket“. Dort gibt es weitere spannende Innovation Stuntmen, die wir demnächst vorstellen werden.